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Erfahrungsbericht über mein AFS

Nicoya, der 26. Mai 2003

 

Erfahrungsbericht über mein AFS- Austauschjahr, Nicoya, 26. Mai 2003

 

 

Wahrscheinlich habe ich einen der katastrophalsten Jahre für einen Austausch erwischt aber trotzdem machte ich außerordentliche Erfahrungen.

Als Länderpräferenz hatte ich, nach dem Ausfüllen aller Unterlagen, an erster Stelle Venezuela gewählt. Ich hatte gehört, dass Venezuela ein tolles Land sei und bin dann dorthin auch am 6. September zusammen mit 25 anderen Deutschen aufgebrochen um mich davon zu überzeugen. Und ich hatte vielleicht wirklich Glück, denn mein Endziel war die Isla de Margarita!!! Was mehr kann man sich als Austauschort wünschen, als eine niedliche, kleine Karibikinsel.

Gut von den freiwilligen AFSern in Deutschland vorbereitet, bin ich dann dort auch heil und sicher angekommen und von meiner zukünftigen Gastfamilie herzlich in Empfang genommen worden. Zu Anfang habe ich leider nur sehr wenig verstanden, weil sich meine Spanischkenntnisse auf eine Art besseren Volkshochschulkurs beschränkten. Meine Familie war aber sehr nett und geduldig mit mir und ich habe mich von Anfang an wohlgefühlt. Mein Gastbruder Manuel konnte mich gut verstehen, denn er war im vorherigen Jahr Austauschschüler in den USA, was mir auch die sprachliche Verständigung zu Anfang sehr erleichterte. Wir einigten uns jedoch schnell darauf, nur noch Spanisch zu sprechen- in meinem Falle noch mit Hilfe von Händen und Füßen. Mein Zimmer habe ich mit Manuel und meinem kleinen Bruder Carlos geteilt und habe es sehr genossen. Die oft nächtelangen Gespräche mit Manuel haben uns wie richtige Brüder verbunden und meinem Spanisch nur gut getan.

Fast vom ersten Tag an habe ich meinem Gastvater jede Nacht in unserer Tankstelle geholfen. Um 22:00 Uhr musste die Tagesabrechnung gemacht und Geld gezählt werden. Dadurch hatte ich relativ schnell den Umgang auch mit großen Zahlen raus und ein Gefühl für das fremde Geld. Venezuela ist insgesamt sehr billig im Vergleich zu Deutschland oder Costa Rica. Aber die Benzinpreise sind ein Knüller: 1 Liter Diesel kostete 70 Bolivares, d.h. man konnte zu dem damaligen Wechselkurs 20 Liter Diesel für einen Euro tanken!

Nach 2 Wochen Eingewöhnungszeit fing dann auch die Schule für mich an, zu einer ungewöhnlichen Tageszeit, nämlich von 13.10 – 18.15 Uhr. Immer wenn ich auf dem Heimweg war, konnte ich die wunderschönen Sonnenuntergänge beobachten. In der Schule kam ich erstaunlicherweise relativ schnell gut klar. Ich habe immer alles Diktierte mitgeschrieben, oder es zumindest versucht. Und zu Anfang habe ich vor dem Einschlafen immer noch ein bisschen Spanisch mit einem Grammatikbüchlein oder Vokabeln gelernt. Deswegen fiel mir die Sprache auch immer leichter.

Meine Gastfamilie war ganz anders als meine richtige Familie. Ich habe sie sehr lieb, aber manchmal habe ich meine Freiheiten ziemlich vermisst. Z.B. durfte ich die ersten 3 Monate keine Busse benutzen. Deswegen habe ich auch die meiste Zeit in unserem Haus verbracht, weil wir in einer kleinen Wohnsiedlung wohnten und man bis zur nächsten Stadt den Bus nehmen musste. Meistens habe ich zur Bekämpfung meiner Langeweile, wenn ich alleine war, gelesen oder einfach nur in der Hängematte gefaulenzt. Schlafen konnte ich leider nicht so lange, da es von mir erwartet wurde vor 9 Uhr aufzustehen. Sonst gab es kein Frühstück mehr!

Die Wochenenden habe ich allerdings meistens an den wunderbaren Stränden verbracht, zusammen mit Manuel oder anderen Austauschschülern oder Freunden oder sogar dem ganzen AFS-Komitee. Das war einfach Spitze! Überhaupt ist das Komitee Margarita sehr aktiv! Obwohl AFS kein Touristikunternehmen ist, hatten wir einige Reisen in die unterschiedlichsten Gegenden von Venezuela geplant, wie z.B. Mérida in den Anden, Coro, die Sandwüste und ins Grasland, die Gran Sabana.

Ich habe mich in Venezuela schließlich auch daran gewöhnt Fisch zu essen. Probleme habe ich allerdings nach wie vor mit anderen kulinarischen Spezialitäten, wie z.B. Leber oder Mondongo. Auf die Frage hin, was Mondongo denn nun sei, wurde mir gesagt, dass es Fleisch ist und ich doch erst aufessen sollte. Ich habe es trotz leichtem Ekel wegen der Kaugummiähnlichen Konsistenz gegessen. Aber Ekel ist überwindbar, wie ich es schon so positiv bei Fisch erlebt hatte. Allerdings ist Mondongo Kuhmagen und/oder –darm, wie sich später herausstellte, und im Gegensatz zu Fisch, immer noch nicht in die Liste meiner Leibgerichte aufgenommen.

Leider verschlechterte sich die innenpolitische Lage Venezuelas immer mehr auf Grund eines am 3. Dezember 2003 begonnenen, von der Opposition organisierten Nationalstreiks, mit dem Ziel, den amtierenden Präsidenten Hugo Chavez aus seinem Amt zu stürzen. Zu Anfang machte sich der Streik bei uns kaum bemerkbar. In der Schule wurde nicht mehr unterrichtet, aber es war sowieso fast Zeit für die Ferien. Trotz Streik haben wir allerdings jeden Tag ein Semesterabschlussexamen geschrieben. Ansonsten hatten am Anfang auch nur wenige Läden geschlossen und es gab nie Demonstrationen von mehr als 5000 Personen, die sich sogar ein Mal mit einer chavistischen Demo friedlich gegenüberstellten. Aber nachdem mehrere Personen bei einem täglichen Demonstrantenauflauf vor dem Präsidentenpalast auf der Plaza Altamira von einem angeblich “Geisteskranken” und deswegen später Freigesprochenen erschossen wurden, verschärfte sich die ganze Situation. Es gab täglich landesweite Demonstrationen, sogar bei uns und manchmal sogar zweimal am Tag. Austauschschüler in Caracas berichteten, wie sie in einer Strassenschlacht zwischen der Caracas Stadtpolizei (Metropolitanos) und der Nationalgarde (Guardia Nacional) vor Tränengas in Läden geflüchtet seien. Das ist eine unglaublich verrückte Situation. Könnte man sich in Deutschland einen Kleinkrieg zwischen Polizei und Bundesgrenzschutz, beides Staatsorgane, vorstellen?

Auch die Versorgung der Bevölkerung wurde knapp. Es gab einen starken Benzinmangel in dem großen, Öl exportierenden Land und Grundnahrungsmittel, wie z.B. Maismehl wurden in den Supermärkten rationiert. Auf jeden Fall wurde diese Situation von den Außenministerien und dem AFS als zu gefährlich eingestuft und schnell alle 125 AFS Austauschschüler evakuiert. Wir, die Insulaner waren am 17. Dezember mit die Letzten.

Und so kam ich dann eines Tages vor Weihnachten wieder, … in Shorts und T-Shirt, mit einem Strohhut auf dem Kopf und einer Gänsehaut ins kalte und regnerische Deutschland. Ich war sehr müde von dem insgesamt über 40-stündigen Flug von Margarita nach Caracas, dann über Aruba (Insel der Niederlande vor der venez. Küste), wo wir auftanken mussten, weil es in Venezuela kein Flugbenzin mehr gab, nach Amsterdam, Frankfurt und schliesslich FMO Münster/ Osnabrück. Bis jetzt bin ich immer mit dem Sprichwort: “Expect the Unexpected!” gut gefahren. Aber so früh wieder zu Hause zu sein, hatte ich nie erwartet.

Insgesamt habe ich dann zwei Monate in Deutschland verbracht. Zum Glück stellte sich kurz nach den Weihnachtsferien heraus, dass alle Evakuierten ihr Austauschjahr weiterführen könnten. Ich habe Costa Rica von insgesamt 6 zur Wahl stehenden lateinamerikanischen Ländern gewählt, genauso wie 20 andere Deutsche auch. Und auch dieses Mal war das Glück auf meiner Seite, denn ich war einer der fünf Glücklichen, die dann wirklich nach Costa Rica fahren durften und noch besser, zusammen mit Philipp, meinem guten Freund, der auch schon mit mir zusammen auf Margarita war, wo wir uns kennengelernt haben.

Am 16. Februar 2003 ging es wieder los! Tja, und hier in Costa Rica habe ich auf den Tipp meiner Mutter hin angefangen Tagebuch zu schreiben. Hätte ich vorher auch nie gedacht, aber es ist jetzt schon schön, zurückzublättern und zu lesen. Es ist auf jeden Fall für Reisen zu empfehlen.

Ich wohne hier im Norden, in der trockenen und heißen Provinz Guanacaste in einem kleinen Städtchen namens Nicoya. Der Vorteil von Costa Rica ist, dass es eine sehr große Mittelschicht gibt. Das ist schön, denn alles ist zwar ein bisschen ärmer und einfacher, als in Deutschland, aber alle haben gleich viel. Und hier in Nicoya ist alles noch ein bisschen ländlicher, was mir sehr gut gefällt, im Gegensatz zu dem weit entwickelten Zentraltal. Ich komme gut mit meiner Gastfamilie klar, die wieder Mal sehr anders als meine beiden anderen Familien ist. Es ist keine typische costaricanische Familie. Meine Gastmutter und mein Gastvater sind zum Beispiel nicht verheiratet, und er ist auch nicht der Vater meiner beiden Gastschwestern. Mit uns leben noch meine beiden älteren Schwestern Marianela (20) und Marisol (19) und Alma Gema, meine Cousine, die hier in der Nähe studiert und arbeitet. Wir wohnen in einem kleinen Häuschen mit Wellblechdach, was hier Mode zu sein scheint. Leider schließen unsere Wände nicht mit dem Dach ab, so dass man alles hört. Am Anfang hatte ich Probleme beim Einschlafen, wegen des Lärms, weil oft bis spät in die Nacht der Fernseher läuft oder schon um 4.30 Uhr morgens meine Cousine aufsteht, sich duscht und kocht bzw. Reis und Bohnen frittiert. Dazu kommt dann noch die nächtelange Musik des Romantiksenders aus dem Zimmer meiner älteren Schwester und der Cousine und pfeffrige Salsa-Rhythmen aus dem Zimmer meiner jüngeren Schwester. Aber man gewöhnt sich an alles. Auf jeden Fall habe ich in meiner Familie die Freiheit, die ich brauche und sie nehmen mich als fast Erwachsenen ernst. Trotzdem haben sie nicht schlecht geguckt, als ich angefangen habe zu kochen, waschen und bügeln: „Männer können das?!?“

Das costaricanische Essen besteht übrigens überwiegend aus Reis und Bohnen und zwar in allen Varianten. Morgens gibt es „Gallo Pinto“ d.h. frittiert, mittags Reis und Bohnen getrennt, mit ein bisschen Salat, und dazu optional, wenn man es sich leisten kann, Fisch, Fleisch oder Nudeln und abends gibt es die Reste! Dazu gibt es fast immer leckere, selbstgemachte Fruchtsäfte! Seltsamerweise kann ich von Reis und Bohnen bis jetzt noch nicht genug kriegen.

Nicoya ist so, wie man sich ein kleines Städchen eben vorstellt. Es gibt die Hauptstrasse mit zwei Ortsausgängen, eine Tankstelle, viele Werkstätten, bei uns um die Ecke ist das örtliche Bestattungsinstitut, im Zentrum der Park und eine Kirche aus der Kolonialzeit, viele Bars, Imbisse, eine schlechte Disco und Billiardcafés. An den Wochenenden kann man prima mit dem Bus an die schönen, nur 36 Km entfernten Pazifikstrände fahren. Allerdings braucht man ca. 60 Minuten mit dem klapprigen, vollgestopften Schulbus, was bei Normaltemperaturen von 40°C im Schatten keine Freude ist.

Ich bin sehr glücklich hier. Die Leute sind insgesamt sehr nett. Und man trifft sich immer wieder, weil es wie gesagt nicht so groß hier ist. Die Leute, die hier schon lange wohnen, kennen sich alle untereinander - zumindest vom Sehen. Dadurch wird natürlich viel geredet und gelästert, was nicht immer gut ist. Und manchmal ist es schwer alleine zu sein, wenn man will.

Meine Schule ist relativ groß und dort habe ich bis jetzt die meisten Leute kennengelernt. Ich glaube alle dort, oder in ganz Nicoya kennen mich, den großen, blonden, blauäugigen und verrückten Deutschen und die 4 andere Austauschschüler. In der Schule verbringe ich viel Zeit. Wochentags von 7.00 bis 15.20 Uhr. Der Unterricht ist überwiegend langweilig, weil er meistens sehr frontal ist, d.h. man bekommt etwas diktiert, schreibt es auf und lernt es zu Hause auswendig, was noch lange nicht heißt, dass man es verstanden hat. Oft wartet man auch einfach nur (manchmal vergebens) darauf, dass der Unterricht beginnt. Manchmal dreht man in der Schule bei dieser diabolischen Hitze in der Schuluniform mit langer, dunkler Hose und blauem Polohemd fast durch. Das wird allerdings besser, wenn die Regenzeit beginnt. Naja, wahrscheinlich nimmt nur die Luftfeuchtigkeit zu und es kühlt sich nur ein bisschen ab.

Tja, eine Woche habe ich auch schon bei meinem Freund Philipp in Heredia im Hochland verbracht, um eine Spanischprüfung des Peace Corps zu machen. Inzwischen habe ich absolut keine Probleme mehr mit der Sprache und ich träume schon seit geraumer Zeit in Spanisch. Aufgefallen ist mir, dass das Leben in den verschiedenen Teilen von Costa Rica komplett anders sein kann. Das hat auch etwas Schönes. Immer gibt es etwas Neues.

Jetzt kann ich C.R. noch gut zwei Monate genießen und dann komm ich auch schon wieder zurück nach Deutschland. Ich hoffe, dass dieses Mal die Rückkehr und das Wiedereinleben ein bisschen einfacher wird.

Abschließend kann ich sagen, dass ich eigentlich immer eine gute Zeit hatte und ein Landeswechsel und schwierige Zeiten gar nicht schlecht sind. Ich habe dadurch nur gelernt: “¡PURA VIDA, MAE!” …wie man in Costa Rica zu sagen pflegt!

Martin Mauritz

Fragen oder Anmerkungen bitte an: martin.mauritz@web.de