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Faktisk fantastisk!

11 Monate in Norwegen, genauer gesagt in Steigen auf einer Halbinsel. Selbst wenn man die Norweger danach fragt, kennt keiner diesen idyllischen Ort nördlich des Polarkreises.

Doch ich war im August 2008 tatsächlich auf dem Weg dorthin! Ich konnte es eigentlich gar nicht fassen, war das gerade Realität, oder alles nur ein Traum?!

Durch das Flugzeugfenster sah ich die Sonne, die wie ein Feuerball über dem Horizont schwebte und die Berge und Inseln ringsum in ein abendliches Rot tauchte. Nein, dies war Traum, aber ein wahr gewordener Traum.

Das Boot brachte mich letztendlich zu meinem Ziel: Das kleine Fischerdorf Helnessund. Nostalgisch schwimmten kleine Bötchen am Kai und bis auf das Kreischen der Möwen herrschte absolute Stille.

Die erste Zeit bei meiner Gastfamilie verging wie im Flug, die Kommunikation war zunächst natürlich nicht so einfach, da ich kaum ein Wort Norwegisch konnte und zudem machte mir der örtliche Dialekt zu schaffen. Aber mit einem Mischmasch aus Englisch und den wenigen norwegischen Wörtern, die ich kannte, konnte ich mich verständigen.

Die Schule lag etwa 25 km von meinem neuen Zuhause entfernt, das hieß jeden Tag 90 Minuten Bus fahren. Der nächste Schock war dann in Leinesfjord bei meiner Schule bereit: Nur 28 Schüler besuchten meine Schule, die gleichzeitig auch nur einen einzigen Jahrgang hatte! Doch so konnte ich immerhin schnell alle Namen und konnte mich auch nicht in endloslangen Korridoren verirren.

Jeder Schüler musste einen Laptop haben und auch Hausaufgaben oder sogar Arbeiten mussten über das Internet beim Lehrer eingereicht werden. Das war sehr ungewohnt für mich, genauso wie die Tatsache, dass es zwar ein ?Sie? gibt, aber sogar der norwegische König geduzt wird. Deshalb hießen meine Lehrer auch nicht Frau Lind oder Herr Stemland, sondern Nina und Bjørn.

Eine besondere Erfahrung für mich waren die Wochenendausflüge zur Hütte in Stavfjorden. Dort gab weder Strom, noch warmes Wasser oder etwa gar Empfang für dein Handy.

Draußen, etwa 20 Meter von der Haustür entfernt, gab es ein Plumpsklo, das besonders im Sommer einen bestialischen Geruch verbreitete. Gekocht wurde auf einem kleinen Ofen, der auch als Heizung diente, und an Ostern mussten wir sogar Wasser aus dem Bach holen gehen, da alle Leitungen zugefroren waren.

Dann je nach Jahreszeit sind wir hoch in die Berge gewandert, sind Langlaufski gefahren oder waren auf dem Meer, um ein paar Fische zu erhaschen.

Fisch gab es auch reichlich im Alltag. Da mein Gastpapa Fischer ist, war es auch nicht ungewöhnlich selbst gemachten Kaviar im Kühlschrank oder einen dicken Fischkopf im Waschbecken liegen zu sehen. Aber ansonsten gab es auch noch oft die selbst angelegten Kartoffeln und die berühmten ?kjøttkaker?, die wohl fast jeder eher als ?köttbollar? aus dem IKEA-Restaurant kennt. Eine weitere merkwürdige Delikatesse ist der braune Käse, der nach Karamell schmeckt und zusätzlich mit Marmelade bestrichen wird.

Da meine Gastmama eine begnadete Köchin ist, auch wenn mir manchmal der Fisch und die Kartoffeln zu viel wurden, habe ich mich durch fast alles durchprobiert. Besonders lecker fand ich Elch- und Walfleisch, zwei Tiere, die auch so in freier Wildbahn erleben durfte.

Doch neben Essen, Schule und Wochenendausflügen habe ich auch in einem Fußballteam gespielt und auch im tiefsten Winter draußen auf dem Kunstrasenplatz trainierten, da die Turnhalle saniert werden musste.

Außerdem waren da ja noch die Ferien, in denen ich mal aus dem kleinen Kaff herausgekommen bin und Reisen nach Bodø, Trondheim, Kristiansand, Tromsø, Narvik, Harstad und auf die Lofoten unternommen habe. Nicht zu vergessen sind da natürlich die lustigen AFS-Treffen!

Dann, ganz unverhofft kam der Winter. Wie aus heiterem Himmel fielen die ersten Flocken. Auf meiner Halbinsel war natürlich nicht mehr Schnee als einen guten halben Meter, aber so weiter man ins Land kam, desto mehr wurde es.

Viele von euch mögen vielleicht denken, dass Norwegen sehr kalt ist. Zu behaupten es sei warm, wäre natürlich eine glatte Lüge, jedoch habe ich es nie kälter erlebt als -12°C.

Dennoch musste man sich natürlich dick einpacken, was auch den Vorteil hatte, dass man gut genug gepolstert war, wenn man einmal wieder mit dem ?sparken? (Tretschlitten) zu viel Fahrt bergab hatte und sich somit wenigstens keine blauen Flecken holte.

Im Winter gibt es außerdem nördlich des Polarkreises ein Phänomen, das Polarnacht heißt. So war es in einer eher noch südlichen Region rund einen Monat (nämlich im Dezember) dunkel. Das heißt nicht, dass es stockduster war, sondern lediglich die Sonne nicht zu sehen war.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Augenblick, in dem ich zum ersten Mal im Januar wieder die Sonne sah und ihre Strahlen auf meinen Wangen kitzelten.

Außerdem kann man das Glück haben an kalten, sternklaren Nächten im Winter das Polarlicht zu sehen. Wie schwefelartige, meist grüne Gebilde bewegen sie sich am Himmel. Eine Erfahrung, die ein jeder in Norwegen machen sollte und die sich gar nicht in Worte oder Fotografien fassen lässt.

Der Nationalfeiertag am 17. Mai war ein weiterer Höhepunkt meines Auslandsjahres. Alle tragen ihre regionalen Trachten, in einem Umzug habe ich die Norwegenfahne geschwenkt und die Nationalhymne mitgeträllert: ?Ja, vi elsker dette landet...? Außerdem gab es mal wieder so viel Essen, dass es drohte sogar Weihnachten oder Silvester zu toppen.

Im Gegenzug zu den kalten Wintermonaten (der Winter in Norwegen dauert bis April oder manchmal sogar Mai) verspricht der Sommer einen einzigen Tag, nämlich den Polartag. Selbst um Mitternacht steht die Sonne noch am Himmel, jegliches Zeitgefühl geht verloren, bis es im Juli wieder dunkler wird.

Trotz einiger Tage mit Heimweh, habe ich ein wundervolles Jahr in Norwegen verbracht. Ich habe nicht nur neue Freunde bekommen und eine neue Sprache erlernt, sondern gleichzeitig auch eine zweite Familie, ein zweites Zuhause gefunden.

Noch jetzt, ein paar Monate, nachdem ich wieder in Deutschland gelandet bin, sehne ich mich ab und zu nach dem Anblick der Bergkette der Lofoten am Horizont, wo gerade die Sonne untergeht, und wünschte ich könnte für einen Moment bei meiner norwegischen Familie und Freunden sein, um dieses Naturspektakel zu bestaunen.

 

 

 

Von Christina Weiser, Norwegen 2008/2009