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Erfahrungsbericht ? Schüleraustausch in China

2.11.2009

Ich bin Paul Hendrik Tiemann. Ich komme aus Wissingen in Niedersachsen und bin in der 11. Klasse Schüler des Ratsgymnasiums in Osnabrück. Im letzten Schuljahr war ich mit dem AFS in China und wurde dafür von der Mercator Stiftung großzügig unterstützt. Dafür möchte ich mich zunächst ganz herzlich bedanken. Ferner möchte ich hiermit meinen zusammenfassenden Bericht zum Verlauf des Auslandsaufenthalts zum 25. August 2009 abliefern. Ich wohnte bei einer Gastfamilie in Nanjing, einer am Jangtse-Fluss gelegenen Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt im Osten Chinas, die in der Geschichte mehrfach Hauptstadt des ganzen Landes war. Sie ist heute die Hauptstadt der Provinz Jiangsu.

Familiäres Umfeld

Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, einer Großmutter, meiner Gastschwester und meinem Cousin. Anders als die meisten AFS-Gastfamilien in China war sie nicht außergewöhnlich reich. Ich würde meine Gastfamilie zur chinesischen Mittelschicht zählen. Aus der Rückschau kann ich sagen, dass ich mit meiner Gastfamilie äußerst glücklich gewesen bin. Meine Gastoma war immer zu Hause und meine Gastmutter und mein Cousin kamen zeitgleich mit mir von der Arbeit zurück. So hatte ich jederzeit einen Ansprechpartner. Insgesamt war es in meiner Familie oft so, dass man sein Leben lebte, und ansonsten nicht so viel miteinander zu tun hatte. Ich war also manchmal zu Hause und saß nach dem Essen noch mit anderen am Tisch, aber es wurde nicht gesprochen. Gerade anfangs hatte ich damit Probleme und dachte, es läge an mir, dass nicht geredet würde. Ich habe daher immer versucht Gespräche anzufangen, was auch positiv aufgenommen wurde. Es war also nicht so, dass meine Gastfamilie nicht reden wollte, sondern dass es für sie einfach nichts zu reden gab. In meiner Familie gab es eine relativ feste Rollen- und Aufgabenverteilung. Meine Gastoma war für den Haushalt zuständig. Ich konnte beobachten, dass sie meiner Gastmutter ? ihrer Tochter -, wenn diese ihr half, übergeordnet war. Ansonsten gingen meine Gasteltern zur Arbeit. Vor allem mein Gastvater hatte, wenn er nach Hause kam, nichts mehr zu tun und verbrachte seine Zeit vor dem Computer, dem Fernseher oder beim Rauchen auf dem Balkon. Wie in fast allen chinesischen Haushalten war es die einzige Aufgabe der Kinder ? meine Gastschwester und ich -, in die Schule zu gehen. Da ich von zu Hause aus gewohnt bin, auch mal in der Wohnung zu helfen, war das am Anfang für mich ein wenig fremd. Während des Jahres dort fragte ich meine Oma, ob ich mal etwas Deutsches kochen sollte, da uns das von Seiten des AFS empfohlen worden war. Aber obwohl sie einverstanden war, hatte ich immer das Gefühl, dass es in ihren Augen meine Aufgaben überschreite und es ihre Zuständigkeit einschränke.

Der Schulbesuch

Ich ging auf dieselbe Schule wie meine Gastschwester, die Nanjing No. 13 Middle School. Der Unterricht war vormittags von 7.00 bis 11.40 Uhr, nachmittags von 13.40 bis 17.40 Uhr und abends von 18.40 bis 21.20 Uhr. Dazwischen waren Essenspausen eingeräumt und mittags musste eine Stunde geschlafen werden. Unterrichtet wurden die gleichen Fächer wie in Deutschland. Allerdings gab es nur Englisch als Fremdsprache. Während meines Jahres war ich nicht der einzige Austauschschüler an meiner Schule. Zusammen mit mir waren noch ein anderer Deutscher (AFS) und ein Amerikaner (YFU) dort Wir drei besuchten die international orientierte Klasse des Jahrganges 10 und bekamen gesonderten Chinesischunterricht. Allerdings wurden unsere drei Wochenstunden im zweiten Halbjahr wegen Lehrermangels auf eine einzige zusammengekürzt. Das war bedauerlich, denn ich mochte den Unterricht sehr. Wir hatten eine gute Lehrerin, die uns neben dem Sprechen auch die wichtigsten geschriebenen chinesischen Zeichen beibrachte. Sie war auch immer sehr interessiert, wenn wir über unsere Heimatländer sprachen. Von Anfang an habe ich versucht, aktiv Chinesisch zu sprechen und das Englische so wenig wie möglich zu benutzen. An dem Englischunterricht meiner Klasse nahm ich nicht teil. Aus ?lerntechnischen Gründen? wollte uns die Leiterin der internationalen Abteilung meiner Schule, Frau Hu, nicht dabei haben. Diese Stunden wurden mir zum selbstständigen Lernen zur Verfügung gestellt. Auch konnte ich auf die Sportflächen der Schule gehen und am Sportunterricht anderer Klassen teilnehmen.

Von uns drei Austauschschülern an meiner Schule sprach ich das beste Chinesisch. In Hinblick auf den national anerkannten Chinesischtest für Ausländer, HSK, lernte ich besonders im zweiten Halbjahr viel Chinesisch. Diesen habe ich kurz vor meiner Abreise auf mittlerem Level mit einem A (vergleichbar mit einer deutschen ?1?) bestanden, was für einen Austauschschüler eine sehr gute Leistung ist. Dieses Zertifikat würde mir nach dem Abitur erlauben, in China gleichgestellt mit Chinesen eine Uni zu besuchen Extra für uns Austauschschüler wurde ein Student engagiert, der uns einmal wöchentlich im chinesischen Kung-Fu, einer Kampfsportart, unterrichtete. Die Stunden fanden in seiner Universität statt, wo es passende Gerätschaften und Räumlichkeiten gab.

Freizeit

Meine Freizeit war relativ begrenzt, weil die Schule sehr viel Zeit beanspruchte. Daher habe ich an Wochentagen normalerweise nach Schulschluss nichts mehr unternommen. Nur am Wochenende konnte ich mich mit Freunden treffen, Sport treiben oder in die Stadt gehen. Schon früh habe ich nach Möglichkeiten gesucht, mich sportlich zu betätigen. An der Nanjinger Universität für Forstwirtschaft konnte ich in die Universitätsmannschaft im Fußball eintreten, mit der ich bis zum Ende meiner Zeit in China wöchentlich Meisterschaftsspiele spielte. Hier hatte ich viele Freunde, mit denen ich auch nach den Spielen gerne zusammen war. Ferner habe ich während der letzten fünf Monate regelmäßig Tischtennis gespielt. Dazu bin ich nach der Schule in ein Sportzentrum in der Innenstadt gefahren.

Reisen

Während meines Jahres in China habe ich drei größere Reisen unternommen. Zum einen bot der AFS im Januar 2009 eine 5-tägige Tour in die Provinz Yunnan an. Sie liegt im Süden Chinas und hat mit schneebedeckten Bergen, verschlungenen Tälern und wunderschönen Landschaften sehr viel zu bieten. Yunnan war ganz anders als meine chinesische Heimat. Die Provinz ist bei Weitem nicht so dicht besiedelt wie Jiangsu und sehr viele Orte sind auf Touristen angewiesen und eingestellt. Anschließend bin ich direkt weiter nach Guangzhou geflogen, der Hauptstadt der Provinz Guangdong (dt.:Kanton). Hier wohnt mein bester Freund in China, Jizhi, der in meiner Fußballmannschaft spielte. Er hatte mich eingeladen, einen Teil der Neujahrsferien bei ihm zu verbringen, um mehr von China zu sehen.

Vom 01.05.09 bis zum 06.05.09 war ich außerdem in Beijing (dt.: Peking), der Hauptstadt Chinas und habe mir weltberühmte Orte wie unter anderem den Austragungsort der Olympischen Spiele 2009, die Verbotene Stadt, den Platz des himmlischen Friedens und die chinesische Mauer angesehen. Es war ein unglaubliches Gefühl, an Orten zu sein, die alle Welt kennt oder über die jeder spricht, bei denen man aber im Leben nicht daran denkt, sie jemals zu besuchen.

Fazit

Die Wahl, nach China zu fahren, würde ich auf jeden Fall noch einmal treffen. Es war für mich absolut richtig, diesen Schritt zu wagen und bin meiner deutschen Familie, meiner Gastfamilie, den AFS und der Mercator-Stiftung sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu hatte.

Ich habe unglaublich viel gelernt, eine Menge neue Freunde gewonnen, mich in eine neue Kultur hineindenken müssen und natürlich auch viel Spaß gehabt. China ist sicherlich nicht das einfachste Land für einen Schüleraustausch. Aber die Chinesen, denen ich begegnet bin, haben immer Verständnis gehabt, wenn ich erst noch im Wörterbuch blättern oder lange nachdenken musste. Jetzt, da ich zurück in Deutschland bin, freue ich mich meine Eltern, Geschwister, Freunde und viele andere Leute wiederzusehen. Doch ich weiß auch jetzt schon, dass ich auf jeden Fall wieder nach Nanjing zurückkehren möchte, um die Leute, die mir dieses Jahr lieb und teuer waren, wiederzusehen.

Paul Hendrik Tiemann, China 2008/2009

Stipendiant der Stiftung Mercator GmbH