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Argentinien 2014/2015

Mein Jahr in Argentinien - Ein Jahr am anderen Ende der Welt

Vor über einem Jahr stand ich mit 20 kg Gepäck am Frankfurter Flughafen und konnte nicht so wirklich glauben, dass es endlich losgehen sollte. Nachdem ich mich von meiner Familie verabschiedet hatte (was im Endeffekt nicht so schwer war, wie ich erwartet hatte) ging es auch schon los nach Argentinien, 14 Stunden Flug und dann noch ewiges Warten in Buenos Aires am internationalen Flughafen, bis wir zum nationalen Flughafen von Buenos Aires fahren konnten. Danach ging es noch mit einem 2,5 Stunden Flug bis nach Salta, eine Stadt die ganz im Norden von Argentinien in den Anden liegt. Nachdem die 11 übrigen Austauschschüler und ich unser Gepäck abgeholt hatten, kam auch schon die erste große Aufregung: Das Treffen mit meiner Gastfamilie! Sie hatte ein riesengroßes Schild dabei worauf "Bienvenida Annika" stand und hat mich sehr herzlich begrüßt und vom ersten Moment an super aufgenommen! Nach 2 Stunden Schlafen ging es dann auch direkt (und sehr spontan) auf den Geburtstag einer Bekannten meiner Gastfamilie.
Diese Spontanität habe ich in den nächsten Wochen und Monaten in Argentinien immer mehr kennen- und lieben gelernt. Planung und Organisation scheint den Menschen nicht sehr wichtig zu sein, was das Leben aber auch deutlich entspannter macht und immer wieder zu Überraschungen führt.
Die Leuten in Argentinien sind sehr herzlich und offen und nehmen einen immer freundlich auf. Sie waren auf jeden Fall einer der Teile von Argentinien, die mir am besten gefallen haben. Besonders ihr Temprament und ihre Lebensfreude waren von Anfang an ansteckend!

Die Schule in Argentinien ist komplett anders als in Deutschland. Morgens fängt es schon damit an, dass man einfach die Schuluniform anzieht und nicht erst stundenlang etwas zum Anziehen suchen muss. Meine Schuluniform bestand aus einem karierten Rock, einem weißen T-shirt, Pulli, langen Kniestrümpen und schwarzen Schuhen. Wenn man morgens an der Schule ankam, musste sich erstmal die ganze Schule auf dem Schulhof nach Klassen sortiert aufstellen, die argentinische Flagge wurde gehisst, die Direktorin der Schule hat Ansagen gemacht und wir haben gebetet, da meine Schule eine katholische Privatschule war. Danach ging es in die Klassen. Der Unterricht besteht viel aus Frontalunterricht und mündliche Noten gibt es eigentlich keine. Meine Klassenkameraden haben daher viel reingerufen und den Unterricht nicht immer so ernst genommen, auch wenn meine Schule zu den besten Schulen der Stadt zählte. Die Lehrer werden "Profe" (Lehrer) genannt und die Schüler haben eher ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen.
An meinem ersten Schultag war ich super nervös und aufgeregt, wollte aber unbedint endlich meine Klasse und alles andere kennenlernen. Ich wurde von der Direktorin zu meiner neuen Klasse gebracht und dort vorgestellt. Auf dem Weg zu meinem Klassenraum durch die Schule wurde ich von so ziemlich jedem Schüler angestarrt. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte die einzige Blonde auf meiner Schule zu sein. In meiner Klasse wurde ich erst einmal mit Fragen bombadiert, von der ich keine einzige verstanden habe. Englisch können die meisten Argentinier kaum oder gar nicht. Meine Klasse hat aber von Anfang an versucht mich an allem zu beteiligen und mir mit allem zu helfen. Sie haben es mir dann auch nicht übel genommen, dass ich bestimmt 3 Monate gebraucht habe, um alle ihre Namen zu lernen und sie teilweise auch leider gar nicht aussprechen konnte.
Ich bin in die 11. Klasse gekommen und war somit nach den Sommerferien (von Dezember - Februar) in der 12. Klasse, dem Abschlussjahrgang. Der Abschlussjahrgang ist mit Abstand der Beste! Die meisten Schulen gestalten im letzten Jahrgang eine eigene Jacke, die dann zur Schuluniform gehört. Sie wird oft mit Namen und Abschlussjahr versehen. Auch finden viele Aktivitäten außerhalb der Schule mit dem Jahrgang statt und diese machen meist super viel Spaß. Der Einzug in den Abschlussjahrgang wird sehr groß gefeiert und mit viel Singen und Tanzen wird der Anfang des neuen Schuljahres begrüßt.

Bevor ich nach Argentinien gegangen bin hatte ich große Angst vor Heimweh und davor, dass ich meine Familie und Freunde vielleicht sehr doll vermissen werde. Aber Heimweh war auf jeden Fall das kleinste Problem! Ich hatte eigentlich gar kein Heimweh, was daran lag, dass ich mich von Anfang an super wohl gefühlt habe.Auch die Sprache war eigentlich kein großes Problem. Ich hatte vorher zwar ein halbes Jahr Spanischunterricht, von dem aber nicht viel hängengeblieben ist. Außerdem sprechen Argentinier nicht wie Spanier, sondern mit einem sehr (wie ich finde) schönem Akzent/Dialekt, was aber anfangs zu noch mehr Verständnislosigkeit geführt hat. Als ich meine Schuluniform kaufen gegangen bin, habe ich versucht meiner Familie zu erklären, dass ich die Uniform eine Größe kleiner brauche und da ich noch kein Spanisch konnte, habe ich hauptsächlich Zeichensprache dafür gebraucht. Der Verkäufer hat sich totgelacht. Es sah aber bestimmt auch sehr komisch aus. Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran und nach einigen Monaten hatte ich eigentlich keine Sprachschwierigkeiten mehr. Nur das "R" konnte ich auch nach Monaten immer noch nicht rollen und meine Freunde haben sich immer einen Spaß daraus gemacht mich Zungenbrecher sagen zu lassen, bei denen ich genau das tun sollte und fanden meine Versuche immer sehr lustig. Aber nach ca. 9 Monaten habe ich sogar das gelernt und war super stolz darauf!
Sowieso lernt man, sich über jeden kleinen Fortschritt, den man macht, zu freuen. Am Anfang ist jeder kleine Satz, den man versteht oder sagen kann, ein Erfolg und als ich zum ersten Mal alleine mit dem Bus in die Stadt gefahren bin und sogar da angekommen bin, wo ich hinwollte (leider nicht ganz ohne mich zu verlaufen) habe ich mich total gefreut.

Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass Argentinien total anders aussieht als Deutschland. Straßenhunde und bettelnde Menschen sind total normal. Die Häuser sind anders gebaut und meist mit hohen Zäunen gesichert oder sind (in den ärmeren Vierteln) nur klein und heruntergekommen. Man sieht viele Motorräder, die oft mit 3 oder 4 Personen total überladen sind. Teilweise fahren die Leute sogar noch mit Pferdekutschen herum!
Es gibt viele Händler, die Obst und Gemüse mit Karren auf der Straße verkaufen und in den kleinen Läden kann man oft die Waren nicht aus den Regalen nehmen, sondern alles wird hinter der Theke verkauft und Lebensmittel wie Mehl oder Butter werden sogar abgewogen und nicht in fertigen Packeten verkauft. Auch landschaftstechnisch sieht es einfach total anders aus. Argentinien ist ein wunderschönes Land mit sehr vielen unterschiedlichen Landschaften. Das Reisen durch Argentinien lohnt sich auf jeden Fall und man bekommt so viele verschiedene Eindrücke von diesem Land!

In meinem Jahr habe ich superviele Freundschaften geschlossen und habe trotz Familienwechsels mittlerweile ein richtig gutes Verhältnis zu meinen beiden Gastfamilien. Zwischenzeitlich hatte es sehr große Probleme mit meiner ersten Gastschwester gegeben (aufgrund von Eifersucht) und ich hatte mich nach wochenlangem Überlegen dazu entschieden die Familie zu wechseln, aber hatte die ganze Zeit über ein wirklich gutes Verhältnis zu dem Rest meiner ersten Familie. Im Endeffekt habe ich mich auch mit meiner Gastschwester wieder vertragen. Ich hoffe ich kann sowohl meine Freunde als auch meine beiden Familien bald wieder besuchen!

Argentinien ist das Land des Tango und des Fußballs. Es ist ein Land, das viele verschiedene Seiten hat. Es ist ein Land, in dem tolle Menschen leben und das eine kennenlernwerte Kultur besitzt. Argentinien ist und bleibt meine zweite Heimat. Es ist wirklich wunderschön und mir ist der Abschied von Argentinien sehr sehr schwer gefallen. Ich vermisse es von ganzem Herzen!Das Jahr ist viel zu schnell vorbei gegangen und war auf jeden Fall eines der schönsten in meinem Leben.

Te amo Argentina!